
Das Kollektiv ist zurück. Geteiltes Wissen, gemeinsames Handeln, vernetztes Arbeiten, Selbstorganisation und Kollaboration haben Einzug in Kunst, Kultur, Wirtschaft und Politik gehalten. Durch die weltweite Gründungswelle künstlerischer und kreativer Kollektive seit Mitte der 90er Jahre erfahren kollektive Arbeits- und Lebensformen wachsende Bedeutung. Während Strategien der Kollaboration neue künstlerische Wirkungsfelder in Wissenschaft und Gesellschaft eröffnen, lassen sich aktuelle Kollektivierungstendenzen auch als möglicher Gegenentwurf zu den gesellschaftlichen Mustern von Vereinzelung, Prekarität und Konkurrenz lesen.
Die Arbeit in kollektiven Formationen scheint mehr und mehr zum Kennzeichen einer Generation von Kunst- und Kulturschaffenden in fluktuierenden Verhältnissen zu werden. Das Wissen, gemeinsam effizienter und sichtbarer zu handeln, verbindet sich mit dem Wunsch nach alternativen Modellen der Selbstverwirklichung.
Die Vorstellung vom autark schöpfenden Künstlergenie wird von Künstlergruppen seit Beginn der Moderne als Mythos entlarvt. Fließende Autorenschaft, die Aneignung von Vorhandenem und die eigene Kontextgebundenheit werden von Kollektiven als Grundbedingungen künstlerischer Produktion anerkannt und sichtbar gemacht.
Die Ausstellung 37 MANIFESTOS fragt nach gegenwärtigen Formen und Bedeutungen von Kollektivität in der Kunst. Die Vorstellung von gemeinschaftlicher Produktion als Prozess zwischen utopischem Handeln und ökonomischer Notwendigkeit dient als Ausgangspunkt für vier miteinander verknüpfte Annäherungen – einfache Lektionen in Kollektivität:
1 have an idea
2 invite others - share
3 form, storm, norm and perform
4 document - write a manifesto
37 MANIFESTOS zeigt aktuelle Werke von 15 Künstlerkollektiven und mit La Belle Alliance raumstrategische Eingriffe am Mehringplatz. Im Kollektiv organisiert, überträgt 37 MANIFESTOS den Gedanken gemeinsamer Autorenschaft auf die Gestaltung der Ausstellung sowie des Programms. Integraler Bestandteil sind Performance-, Konzert- und Videoprogramme, die gemeinsam von künstlerischen und kuratorischen Komplizen organisiert werden. Potenzial und Grenzen, Entfaltung und Scheitern kollektiver Verständigung werden im Rahmen der Ausstellung in unterschiedlichen Kollektiven Situationen erfahrbar. Innerhalb der vier Workshops werden temporäre Kollektive gegründet, um unterschiedliche Definitionen und Stufen von Kollektivität zu erforschen.
Mit more is more. Gespräche mit Künstlerkollektiven reflektieren wir Praxisformen von Kollektivität in ihrer gesellschaftlichen und künstlerischen Bedeutung und diskutieren sie mit den teilnehmenden Kollektiven. 37 MANIFESTOS wird begleitet von collecting collecticity, einer partizipativen Dokumentation der Gruppe manifest.
37 MANIFESTOS ist ein Projekt des Berliner Kunsthalle e.V. und random relevance (Susanne Husse und Jana Sotzko) in Kooperation mit Raumstrategien Masterstudiengang der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Forum Berufsbildung und Cine Plus.
Komplizen: Zohar Frank, Kira Kohnen, Anissa Fulbright, Constanze Heinz, Michel Pietsch, Friederike Schäfer, Anna Schäffler, Florian Schmidt.
Öffnungszeiten
Mo–Fr 10 bis 18 Uhr
Sa–So 12 bis 19 Uhr
Bei Abendveranstaltungen durchgängig
LA BELLE ALLIANCE
raumstrategische Eingriffe am Mehringplatz
La belle alliance zeigt verschiedene künstlerische Positionen am und um den Mehringplatz, sowie im Projektraum der Raumstrategien am Mehringplatz 11. Aus der grundlegenden Beschäftigung mit den ästhetischen, sozialen und räumlichen Gegebenheiten sowie mit kollaborativen Prozessen der Kunst im öffentlichen Raum sind ortsspezifische Eingriffe hervor gegangen. Die raumstrategischen Interventionen machen die wesentlichen Merkmale des Platzes sichtbar, brechen gewohnte Perspektiven auf und führen zu neuen urbanen Szenarien.
Studierende: Thiago Bortolozzo, Lena Grüber, Kathrin Oberrauch, Wie-yi Lauw, Dovrat Meron, Yiannis Pappas, Tamara Rettenmund, Robin Resch, Christian Schwister, Felix Stumpf, Roberto Uribe, Türe Zeybek. Betreuer: Stephan Mörsch, Frederic Schröder, Maren Strack.
Öffnungszeiten: 12.-17. und 19.-21. Juli jeweils 17– 21 Uhr
Führungen : 13. + 19. Juli, 19 Uhr
Mehringplatz 11, Berlin-Kreuzberg
Masterstudiengang Raumstrategien der Kunsthochschule Berlin-Weißensee www.kh-berlin.de
Ja, einverstanden. Es gibt nichts als Körper und Sprachen, außer es gibt etwas, das nicht auf Körper und Sprache reduzierbar ist. Alain Badiou
Die Gruppe „manifest“ untersucht gesellschaftliche und künstlerische Prozesse auf ihre latenten und bewussten Inhalte kollektiver Erfahrung: Wie kommt es zu kollektiven Arbeitsformen, und wie
funktionieren sie? Wie entstehen kollektive Identitäten? Und warum zerfallen sie wieder? “manifest” wird für die Dauer der Ausstellung zum Beobachter und Aufzeichner der sich dort entfaltenden kollektiven Prozesse. Aus Beobachtungen, Erfahrungen und Fragen zur Produktion und Rezeption der Ausstellung wird von “manifest”, anderen Teilnehmern und Besuchern ein offenes, experimentelles und wachsendes Archiv kollektiver Produktionsweisen angelegt.